Was vom Leben übrig bleibt

Ein Gedächtnisprotokoll, aufgezeichnet von Beatrix Gramlich von Missio in Aachen.
Fotos: Fritz Stark.

Zanele nachdenklich

Sie ist 17, gut aussehend, intelligent. Noch ein paar Monate, dann hat sie das Abitur in der Tasche. Ein ganzes Leben liegt vor ihr. Ein Leben, das für Zanele* noch ein paar Jahre bedeutet. Das Zulu-Mädchen ist HIV-positiv. Den tödlichen Virus trägt sie in sich, seit sie als Neunjährige vergewaltigt wurde.

*Namen von der Redaktion geändert

 

Kein heimeliger Ort, aber eine gute Adresse: John Ross House, ein klotziger Appartementblock an der Uferstraße von Durban. Unten rauscht der Autoverkehr der südafrikanischen Millionenstadt vorbei, oben aus dem 32. Stock sieht die Welt aus wie eine Spielzeuglandschaft. Eine Zweizimmerwohnung in der fünften Etage, das ist seit einigen Tagen Zaneles neues Zuhause. Es sind Schulferien, und das Mädchen wohnt hier sozusagen zur Probe - bei einer Frau, die vielleicht ihre Pflegemutter werden könnte. Aber so weit ist es noch nicht. Noch sind beide dabei, sich kennen zu lernen, beide voll neugierig gespannter Erwartung und fest entschlossen, das Beste aus ihrer Begegnung zu machen. Beide auf der Suche nach einem Menschen, der zu einem gehört.

Zanele mit Händen vor dem Gesicht

Nur zu gut kennt Zanele diese schmerzhafte Sehnsucht. Was

es bedeutet, geliebt zu werden,

hat sie erst gelernt, als sie mit

zehn Jahren ins Kinderheim kam.

Dafür kannte sie bis dahin eins

umso besser: das Gefühl,

unerwünscht zu sein.

 

 

  

?Ich weiß nicht, woher ich komme", sagt sie. ?Das einzige, woran ich mich vage erinnere, sind meine Mutter und meine zwei Schwestern. Als wir klein waren, hat meine Mutter uns immer wieder irgendwohin mitgenommen und einfach dort zurückgelassen. Andere Leute haben uns dann jedes Mal zu ihr zurückgebracht. Ein anderes Bild, das ich im Kopf habe, ist das von einer fremden Frau, die mich an der Hand hält. Ich muss ungefähr drei Jahre alt gewesen sein, es regnete in Strömen, und wir gingen über einen Markt. Auf einmal kam eine andere Frau auf uns zu und fragte: ?Was machst du bei diesem Wetter mit dem Mädchen? Und wieso hat es kein T-Shirt und keine Schuhe an?"

Zanele lachend mit Freundin

Die Fremde nahm mich mit zu sich nach Hause. Aber schon nach kurzer Zeit war ich ihr lästig. Vom einen auf den anderen Tag hieß es: ?Du musst dich selbst um dein Essen kümmern.? In meiner Not ging ich zur Kirche und habe dort um eine Mahlzeit gebettelt. Eine Anwohnerin bekam das mit und gab mir von da an regelmäßig Kleider und Nahrung.
Als die Frau, bei der ich wohnte, das erfuhr, war sie außer sich vor Wut und stieß mich zur Strafe immer wieder mit dem Kopf auf den Boden. Irgendwann, wir waren gerade aus dem Haus gegangen, um Wasser zu holen, fing sie aus heiterem Himmel an, auf mich einzuprügeln. Leute, die zufällig vorbeikamen, wurden aufmerksam  und mischten sich ein. Als sie hörten, dass die Frau gar nicht meine Mutter war, nahmen sie mich mit.

 

Zanele mit Skyline im Hintegrund

Die Mokoenas* wurden meine neue

Familie - ihr Nachname ist bis heute

auch meiner. Sie hatten vier Kinder

und eine wunderschöne Farm. Auf den weitläufigen Feldern wuchsen Getreide, Zuckerrohr, Obst- und Gummibäume.

Für mich war es ein kleines Paradies ?

bis eines Abends die Polizei auftauchte.

 

 

 

 

Der älteste Sohn hatte eine Frau umgebracht. Die Männer durchsuchten das ganze Haus nach ihm ? ohne Erfolg. Sie waren sicher, wir würden den Jungen verstecken und drohten, in ein paar Stunden wiederzukommen. Wenn er sich dann nicht stellen würde, sagten sie, würden sie den Vater verhaften. Kaum waren sie weg, rafften wir in aller Eile das  Nötigste zusammen und verließen fluchtartig die Farm. Die halbe Nacht liefen wir durch den Regen, durch unwegsames, vom Wasser aufgeweichtes Gelände abseits der Straßen, um nicht entdeckt zu werden. Die anderen Kinder wurden getragen, ich nicht. Völlig erschöpft fanden wir im Morgengrauen endlich Unterschlupf bei Verwandten.

 

Zanele

Mit der Freundlichkeit der Mokoenas jedoch war es schlagartig vorbei. Nur weil die Tante darauf bestand, durfte ich überhaupt zur Schule gehen. Sie war es auch, die mir die Uniform kaufte und den Schulleiter überredete, mich trotz fehlender Geburtsurkunde aufzunehmen. Die Mokoenas hätten mich lieber als kostenlose Küchenhilfe zu Hause behalten. Auch so hatte ich mich, kaum war ich aus der Schule zurück, um den Haushalt zu kümmern. Ihre eigenen Kinder durften derweil spielen gehen. Ich war auch die einzige, die das Wasser in einem 25-Liter-Tank herbeischaffen musste ? von einer Wasserstelle, die eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt lag. Irgendwie habe ich das erste Schuljahr geschafft, aber auf das Hühnchen, das bei uns dann traditionell für das Kind geschlachtet wird, musste ich verzichten.

 

Zanele mit Händen vor dem Mund

Als ich in der zweiten Klasse war, fing der zweitälteste Sohn an, mich zu missbrauchen. Wir schliefen in einem Zimmer, er im Bett, ich auf dem Fußboden. Nachts band er mir die Hände mit einem Gürtel auf dem Rücken zusammen und drang mit Gewalt in mich. Ich wagte nicht zu schreien. Denn er drohte, mir mit dem Messer die Kehle durchzuschneiden oder meinen Kopf in die Schüssel mit Wasser zu tunken, die er vor dem Bett aufgestellt hatte. Neun war ich damals, er ungefähr 30.

Ein Jahr ging das so, bis ich mir ein Herz fasste und mich der Verwandten anvertraute. Sie verständigte das Jugendamt, und die Leute von dort holten mich ab. Nach ein paar Monaten in einem Übergangslager kam ich schließlich ins Kinderheim St. Philomenas in Durban.

 

Ich war etwa ein Jahr dort, als ich krank wurde. Aber das Medikament, das mir die Betreuer gegeben hatten, wirkte nicht. Sie schickten mich zum Arzt, der eine Blutuntersuchung anordnete.

 

So kam es raus: Ich bin HIV-positiv. Ich wusste sofort, wo ich mich infiziert hatte. Es gab nur eine Antwort. Aber was AIDS wirklich bedeutet, habe ich erst allmählich begriffen. Vor allem, als Chanice, meine beste Freundin in St. Philomenas, daran starb.

 

Vorher hatten wir oft gescherzt, wer wohl als erste von uns beiden sterben würde. Wenn sie es wäre, meinte Chanice, würde sie mir sagen, wie es auf der anderen Seite ist. Dann wurde sie immer schwächer. Als sie das letzte Mal vom Arzt kam, sagte er ihr, sie hätte nicht mehr lange zu leben. Ihr letzter Wunsch war es, zum Sterben nach Hause zu gehen ? zu ihren Großeltern am Eastern Cape, 800 Kilometer von hier entfernt.
Und ich? Es macht mich traurig, dass ich nie Kinder und eine eigene Familie haben kann. Aber ich denke nicht so oft darüber nach, das deprimiert mich zu sehr. Ich will das bisschen Zeit, das mir bleibt, möglichst gut ausfüllen und genießen.
Am meisten Angst habe ich vor den Schmerzen, die kommen, wenn die Krankheit ausbricht. Trotzdem habe ich mich entschlossen, die Medikamente, die mich stabilisieren sollen, nicht zu nehmen. Sie verlängern doch nur das Leiden, aber heilen können sie nicht. Wenn Gott zulässt, dass der tödliche Virus in meinen Körper eindringen konnte, wird es einen Sinn haben.

 

Natürlich war ich am Anfang wütend und habe wieder und wieder gefragt: Warum ausgerechnet ich? Aber durch meinen Glauben bin ich zur Gewissheit gekommen, dass ich verzeihen muss, um selber Frieden zu finden. Vor zwei Jahren habe ich meinen Peiniger zufällig auf der Straße wieder gesehen. Da habe ich gemerkt, dass ich keine Gefühle mehr für ihn habe, weder Hass noch Rache.

 

Zanele hält ihre Hände an die Schläfen

Dass mir das gelungen ist, verdanke ich Alison*, meiner Betreuerin in der Wohngruppe des Kinderheims, in der wir wie eine Familie zusammenleben. Sie hat gemerkt, was mit mir los ist, und mir geholfen, meine Geschichte zu verarbeiten. Mit ihr kann ich über alles reden. Bei ihr fühle ich mich frei. Sie ist wie eine Mutter für mich.

 

Es war schwer, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich sie und St. Philomenas verlassen muss, wenn ich 18 werde. Aber glücklicherweise verstehe ich mich sehr gut mit Thembelihle*, der Frau im John Ross House, die vielleicht meine Pflegemutter wird. Sie hat keine eigenen Kinder und sich deshalb entschlossen, jemanden aufzunehmen. Außerdem ist ihr Glaube ein Grund. Tief in ihrem Herzen, sagt sie, hätte sie immer das Gefühl, anderen helfen zu müssen. Sie mag mich, auch wenn es manchmal Spannungen gibt. Ich fühle mich wohl bei ihr. Hier finde ich den Freiraum, der mir im Kinderheim manchmal fehlt. Ein neues Zuhause bei ihr ? das ist eine riesige Chance!

 

Beatrix Gramlich arbeitet bei missio als Redakteurin.

 



Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit